Weihnachten & mein atheistisches Storytelling

Heute stand im Guardian ein interessanter Text Alain de Bottons über seinen Umgang mit Weihnachten als Atheist, spezifischer als Mitglied einer atheistischen Familie. Er fragt:”If the nativity to you is nothing more than a fairytale, how do you handle Christmas?” Danke für den Anstoss. Wie machen wir’s denn in unserem atheistischen Haushalt?

Weihnachten als Ereignis kann auf vielerlei Ebenen kritisiert werden: Neben seiner religiösen Bedeutung finde ich auch den Konsumhype besonders schlimm. Mehr noch als an anderen Feiertagen gibts einen hohen gesellschaftlichen Druck, Weihnachten in seiner aktuellen Ausprägung mitzumachen; nicht alle Menschen wollen das, und von denen, die gerne mitmachen würden, können nicht alle daran teilhaben, weil ihnen die finanziellen Mittel dazu fehlen. Dass Weihnachten aufgrund seiner weissen, heterosexistischen Mythenwelt auch all jene ausgrenzt, die sich nicht in dieses Raster einfügen lassen, macht mir Weihnachten noch unsympathischer. Weihnachten ist für mich damit in erster Linie ein Fest der sozialen Ausgrenzung, auch wenn bei Spendenmarathons wie “Jeder Rappen Zählt” oder an sonstigen weihnachtlichen Charity-Anlässen Solidarität mit den Schwachen und Ausgegrenzten suggeriert wird. Für mich sind das vor allem moralische Feigenblätter, um eine biblische Metapher zu bemühen.

So, nun habe ich Weihnachten für mich auseinandergenommen. Komm ich dran vorbei, wie seinerzeit in Köln am lokalen Karneval?

Kann ich mich als Mutter in einem urbanen Umfeld dem Phänomen Weihnachten vollständig entziehen? Als Ex-Katholikin hat sich diese Frage vor dem Kind nie gestellt. Ich war autonom und entzog mich dem Ereignis, so gut es ging. Für mich hatten weder Weihnachten noch andere religiöse Feste eine besondere Bedeutung. Meistens habe ich an den Tagen gearbeitet, in der Pflege und später im Call-Center.

Als ich dann Mutter wurde, hatte ich dringlichere Fragen als den Umgang mit Weihnachten. Ich hab mich null damit beschäftigt. Erst war meine Tochter zu klein, und dann…aufgrund meines Versäumnisses, dieses Mega-Event als Mutter neu zu reflektieren bin ich nun in einen gesellschaftlich angepassteren Umgang reingerutscht. Ich habe erst angefangen, mir Gedanken zu machen, als ich merkte, dass Dinge von mir als Mutter erwartet werden, die mir kaum etwas bedeuten oder die meinen Überzeugungen zuwiderlaufen, und/ oder dass andere Menschen mit ihrem Weihnachten meine Grenzen überschritten.

Für mich war dann schnell klar: Religiöses kommt mir nicht ins Haus, und wenn sie draussen angesichts einer Krippe fragt, was das sei, dann erkläre ich ihr die Geschichte um die Geburt Christi ebenso, wie ich ihr eine Geschichte vom Raben Socke erzählen würde. Lustigerweise hat sie erst dieses Jahr (und nicht von mir!) gelernt, dass die geflügelten Wesen Engel sind, und keine Feen. Wobei ich ihr dann nachträglich erklärt habe, dass da eigentlich kein grosser Unterschied besteht: Beide können fliegen und zaubern und leben in einer für uns nicht zugänglichen Märchenwelt.

Leider war ich in der Kommunikation des “No religion”-Prinzips nach aussen nicht sehr klar; so schenkte die Mutter meines Partners meiner Tochter letztes Jahr ein grässliches Buch mit einer besonders kitschigen Variante der Weihnachtsgeschichte. Im Anschluss habe ich ihr dann mitgeteilt, dass solche Bücher den Vorleser_innen im Haus wenig Freude machen und sie in Zukunft doch bitte davon absehen möge, uns solche Geschenke zu machen.

Dieses Jahr gabs von ihr dann einen Adventskalender, in Absprache mit dem Vater und mir zu 2/3 mit Papas und Onkels Vintage-Playmobil-Piraten befüllt (am 24.12. gibts dann das dazugehörige Schiff), ein bisschen pinkem Zeug (um das Jungsspielzeug zu kompensieren, war der Oma ein Anliegen) und als katholischem Rudiment einem Paar Keramik-Engel. Der Adventskalender findet natürlich Anklang; allerdings fand ich es sehr fordernd, das Konzept “Advent” zu vermitteln. Ich habe einfach gesagt, Advent ist der Countdown zu Weihnachten, aber was Weihnachten genau bedeutet, das habe ich ihr noch nicht erklärt. Wir sollten allerdings vor dem diesjährigen 24.12. mit der Oma besprechen, dass nicht das “Christkind” Geschenke bringt, wie in den letzten Jahren, sondern der Weihnachtsmann. Letzteres Konzept ist für mich das schlimmere Übel, und das einfacher zu vermittelnde.

Was ich an dieser Zeit mittlerweile schätze, sind saisonale Rituale, wie Plätzchen zu backen, Kerzen anzuzünden, Sterne ans Fenster zu malen und den liebsten Menschen Karten zu schreiben, sowie im Angesicht des Jahresendes den Alltagsstress runterzufahren und in eine Art Winterschlaf zu fallen. Das alles findet in der Weihnachtszeit statt, hat für mich aber nur am Rande einen Bezug dazu. Ich picke mir einfach die Dinge raus, die ich schön finde und vertreten kann, und schaffe so mein eigenes semantisches System, welches jedoch für meinen Geschmack noch konsistenter erzählt werden könnte, um gefestigten Konzepten wie dem Glaubenskonzept der Grosseltern, aber auch dem Weihnachtstrott des Mainstreams etwas aus Sicht meiner Tochter Glaubwürdiges, sprich etwas emotional Zugängliches und Bewahrenswertes, entgegenzuhalten. Ein atheistisches Weihnachtsritual. Ich arbeite dran.

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4 Kommentare

  1. Das haben wir ähnlich gehalten. Vor der Geburt unseres ersten Kindes haben mein Mann und ich Weihnachten schlicht ignoriert. Als die Tochter dann alt genug war, haben wir zwar einen Baum aufgestellt und gefeiert, und auch die “übliche” Weihnachtsgeschichte erklärt. Aber wir haben auch von vornherein auf die heidnischen Wurzeln des Festes hingewiesen, und im Sinne eines Lichterfestes zur Wintersonnenwende findet dieses Fest bei uns nun auch statt.

    Christkind und Weihnachtsmann. haben hier nie eine Rolle gespielt. Unsere Kinder haben von Anfang an erfahren, dass Menschen anderen Menschen Geschenke machen, weil sie einander liebhaben. Das hat so manchen in unserem Umfeld schockiert (“Ihr könnt den Kindern doch nicht diesen Zauber vorenthalten – bla blubb…”), aber ich stehe noch immer dazu, dass Liebe unter Menschen mehr wert ist als Christkind- und Weihnachtsmannmärchen, die spätestens in der Grundschule eh als Lüge entlarvt werden.

    1. Hallo @Terrorzicke, danke für die Beschreibung Eures Weihnachtsfests. Der Weihnachtsmann ist ja in der Tat auch nicht der Bringer (im wahrsten Sinne des Wortes). Bis zum nächsten Weihnachtsfest hab ich ja noch ein bisschen Zeit, zusammen mit dem Mann an unserer Weihnachtsgeschichte zu basteln. :)

  2. Hi, geht mir ähnlich, das kind ist 5. Wir feiern ein Lichterfest – das finde ich auch sehr schön in der dunklen zeit daran zu erinnern, deass der Frühling wieder kommt und das Licht. Ansonsten stelle ich bei den Biblischen geschichten immer klar, dass es etwas ist, woran andere Menschen glauben, erzählen tu ich aber davon nichts, das machen schon andere… Und ansonsten mache ich nur mit, was mir auch spaß macht.

    1. Hallo Beya, auch Dir danke. Lichterfest, das klingt schön…Ihr zwei inspiriert mich, unser Weihnachtsfest fürs kommende Jahr “heidnischer” bzw. unabhängiger aufzuziehen. Rituale sind wichtig – aber wie die aussehen, bestimmen wir. :)

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