In BIP we trust?

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde das Generieren von Wirtschaftswachstum zur Zauberformel für erfolgreiche Volkswirtschaften. Die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft wurde mit der Veränderung des BIPs gemessen. Dieses sagt allerdings nichts aus über andere, für die Wohlfahrt relevante Grössen wir die Verteilung der Einkommen, Zustand der Umwelt oder Lebensqualität aus. Dass die Politik auf der Basis defizitärer Indikatoren nicht im Sinne einer möglichst umfassenden Wohlfahrt planen kann, liegt auf der Hand. Dass in vielen europäischen Ländern und in den USA Einkommensungleichheit und Kosten für die Beseitigung von Umweltschäden steigen, hat natürlich nicht nur mit den falschen Indikatoren zu tun, sondern in erster Linie mit einem auf Wachstum basierenden Wirtschaftsmodell, dessen Ausdruck aber eben das BIP ist.

In der aktuellen Multi-Krise (Wirtschaft, Klima, Nahrungsmittel) wird immer klarer, dass das Wachstumsmodell Ursache für viele dieser Krisen ist. Die jetzt präsentierten politischen Sparlösungen verstärken diese Krise in vielen Ländern jedoch, statt zukunftsfähige Lösungen für die Kernfrage umzusetzen: Wie kann eine Bevölkerung von über 7 Mrd. Menschen auch in Zukunft ökologisch und sozial verträglich leben?

Das Pferd wird jetzt vielleicht anders herum aufgesattelt. Viele Messmodelle versuchen, das BIP-Dogma und dadurch das Wirtschaftswachstumsdogma zu durchbrechen. Einer der bekannteren ist sicher der Human Development Index der Vereinten Nationen, für den ich kürzlich auf eine sehr schöne Visualisierung gestossen bin.

Am meisten Aufsehen verursachte in den letzten Jahren jedoch die vom französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy einberufene Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission. Deren Bericht erschien bereits 2009. Kernforderungen waren:

  • Statt Produktion (BIP) Einkommen und Konsum messen
  • Mehr Aufmerksamkeit auf die Verteilung von Einkommen/Vermögen/ Konsum
  • Nichterwerbsarbeit einbeziehen
  • Monetäre Indikatoren wie „Einkommen“ sind nur eine Dimension in der Bestimmung von Wohlfahrt, andere Dimensionen z.B. Gesundheit, Bildung, politische Teilhabe
  • Bewertung von Ungleichheit soll nach sozio-ökonomischen Gruppen, Gender und Generationen aufgeschlüsselt werden

Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission will also das BIP als Indikator abschaffen – das bedeutete eine Abkehr vom rein wachstsumsorientierten Wirtschaftsmodell.

Modell-Wettbewerb

Die Ergebnisse der Kommission wurden im April 2010 von Sarkozy und der deutschen Kanzlerin Merkel in Form einer Erklärung aufgegriffen, in der beide Länder versprachen, die EU zur Übernahme eines neuen, auf der Arbeit der Stiglitz-Sen-Fitoussi basierenden Berechnungsmodells zu bewegen. In Frankreich und Deutschland gibt es lokale Umsetzungsinitiativen, selbst in Grossbritannien hat David Cameron den Auftrag gegeben, neue Wohlfahrtsindikatoren  zu entwickeln. Der erste britische „Happiness Index“ wird 2012 erwartet. Auf EU-Ebene läuft das Projekt „Beyond GDP“, welches nicht so weit geht wie die Vorschläge der Stiglitz-Kommission, sonderm dem BIP soziale und ökologische Indikatoren an die Seite stellen will. Auch die Better Life Initiative der OECD greift auf Teile der Arbeit von Stiglitz-Sen-Fitoussi zurück. Eine vertieften Vergleich all dieser Modelle kann ich hier nicht leisten; über Hinweise auf eine solche Analyse wäre ich dankbar.

Interessanterweise kommt in Europa die prominenteste politische Unterstützung für die Entwicklung solcher Projekte eher aus jenen Ecken, aus der man sie am wenigsten vermutet hätte. Offenbar haben politische EntscheidungsträgerInnen nach der letzten Krise bzw. dem Beginn der aktuellen Krise 2007 die Dringlichkeit des Themas erkannt. Das Entwickeln von Indikatoren, welche die Realität präziser abbilden als die heutigen, ist ein politisch motivierter Akt. Ob neue Wohlfahrtsindikatoren dazu beitragen können, Wohlfahrt zu schaffen, wird  letztlich im politischen Nutzen liegen, der aus ihnen gezogen wird. Für die aktuelle Krise kommt die Abkehr der StatistikerInnen vom westlichen Wirtschaftswunderglauben jedoch zu spät.

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