DOW, Bhopal und die Paralympics 2012

Protest gegen Dow in Bhopal, 2006, (c) Joe Athialy

Protest gegen Dow in Bhopal, 2006, (c) Joe Athialy

Kürzlich, Anfang März, fand im Rahmen der Schweizer „Rechte ohne Grenzen“-Kampagne eine halböffentliche Tagung zu Frauenrechten statt. Dabei ging es darum, herauszustreichen, dass besonders Frauen unter von Unternehmen begangenen Menschenrechtsverletzungen leiden, sei es als Arbeitnehmerin, sei es als Familienfrau, bei Vertreibungen oder Umweltschäden; die ohnehin oft prekäre Situation von Frauen wird durch die systematische Missachtung von Menschenrechten weiter verschärft. Das sehr lesenswerte Argumentarium dazu findet Ihr hier.

Bei den Recherchen zu diesem Argumentarium hat eine Kollegin aus dem Netzwerk den TeilnehmerInnen mehrere spannende Texte geschickt, wobei einer aus dem lesenswerten Buch „Gender, Rights and Development“ mich besonders berührte (Buch kann bei Scribd übrigens hier runtergeladen werden). In „Leaving our fears behind: women claiming rights after the Bhopal Gas Disaster“ schreibt Jashodhara Dasgupta über die Geschichte einiger weiblichen Überlebenden der Giftgas-Katastrophe in Bhopal, der schlimmsten Chemie-Katastrophe, die jemals passiert ist.

Am 03. Dezember 1984 traten kurz nach Mitternacht in einer Chemiefabrik des US-amerikanischen Konzerns Union Carbide mehrere Tonnen Giftgas in die Atmossphäre. Die Bevölkerung der nahe gelegenen Slums wurde von der Giftgaswolke im Schlaf überrascht; da es kein Alarmsystem gab, fand keine Evakuierung statt, viele starben im Schlaf, andere noch während der Flucht. Tausende von Menschen verloren in jener Nacht ihr Leben, bis zu 25’000 waren es noch in den darauffolgenden Jahren (gemäss Schätzungen). Die Folgen des Unglücks belasten das Leben der Menschen bis heute in Form von chronischen Gesundheitschäden, verseuchtem Grundwasser und verseuchter Erde – und somit dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen. Noch heute erleiden Frauen Fehlgeburten oder gebären Kinder mit Fehlbildungen, wenn sie nicht gar unfruchtbar geworden sind.

Vom Opfer zur Rechte-Inhaberin

Die Betroffenen, welche zu den ärmsten BewohnerInnen Bhopals gehörten, müssen nicht nur im ihr Überleben kämpfen, sondern auch für ihr Recht, von Union Carbide entschädigt zu werden. Wenn arme, ungebildete, vom Chemieunfall Versehrte gegenüber einem grossen Chemie-Konzern ihre Rechte einfordern, und sie dabei vom Staat sogar immer wieder behindert werden, ist klar, dass die Betroffenen viel Ausdauer brauchen. Jashodhara Dasgupta stellt dabei die These auf, dass das Trauma der Chemie-Katastrophe und der Kampf um ihre Ansprüche gegenüber den Verantwortlichen viele Betroffenen und insbesondere Frauen nicht nur zu Opfern machte, sondern auch zu Rechte-InhaberInnen. Im Kampf um ihre Opferrechte wurde vor allem den Frauen klar, dass sie nicht nur im Vergleich zu Union Carbide rechtlos waren, sondern auch gegenüber dem indischen Staat, der sie nicht als Bürgerinnen, also als Rechte-Inhaberinnen wahrnahm, sondern sie im besten Fall als Bittstellerinnen betrachtete, deren zweifelhafte Ansprüche es zu prüfen galt.

Durch ihre neue Selbstwahrnehmung als Rechte-Inhaberinnen nahmen die Frauen auch ihre Unterdrückung durch die männlich dominierte Gesellschaft wahr und begehrten im Verlauf der Zeit auch gegen diese auf. Die mächtigsten Opferrechtsorganisationen „Bhopal Gas Peedit Mahila Udyog“ sowie „Bhopal Gas Peedit Mahila Stationery Sangh“ oder den „Chingari Trust“ wurden von betroffenen Frauen wie Shabana, Rashida Bi oder Champa Devi Shukla begründet. Je mehr Rechte diese Frauen aus ihrer akuten Lage heraus reklamierten, desto klarer wurde ihnen, dass diese Unterdrückung kein Zufall war, sondern systematisch geschah, und dass sie auch hierauf Einfluss nehmen konnten und mussten. Das Einfordern ihrer Rechte machte viele Frauen auch persönlich freier. Shabana erinnert sich zum Beispiel, dass an den ersten Protestmärschen viele Frauen verschleiert waren, sich das aber geändert habe, obwohl das Ablegen des Schleiers eine Fatwa nach sich zog: 

„The days of being oppressed are over, we threw away our veils. When we fight for food, the veil cannot feed us. We have such a fire within us that if someone dares to even attempt something, we would grab his collar. Circumstances made me like this – always ready to fight. I am not afraid anymore, of anything.“

Die Geschichten der Aktivistinnen legen nahe, dass die von ihnen begründeten/ geführten Organisationen eine Schlüsselrolle in diesem Entwicklungsprozess spielen. Durch die Organisationen erlangten die Betroffenen nicht nur eine mächtige Stimme gegenüber Union Carbide und dem Staat, durch gegenseitige Unterstützung konnten viele Frauen innerhalb der Organisation ihre persönliche Schreckensgeschichte besser verarbeiten. Neben diesem positiven Nebeneffekt haben die Bewegungen jedoch auch konkrete, politische Erfolge errungen – den wichtigsten jedoch, nämlich von Union Carbide bzw. deren Nachfolge-Konzern Dow angemessen entschädigt zu werden, nicht.

Bhopal, Dow und die Paralympics 2o12

2001 wurde Union Carbide von Dow Chemical übernommen; der grösste Chemiekonzern der Welt entstand, aber bis heute weigert sich Dow Chemical, Verantwortung zu übernehmen, und bspw. das ehemalige Fabrikgelände zu sanieren. Die Opferrechtsorganisationen kämpfen bis heute um Entschädigungen und darum, Dow Chemical als Nachfolge-Konzern Union Carbides zur Verantwortung zu ziehen. Dows ruhmlose Geschichte geht im Übrigen noch viel weiter. Dow Chemical war eine der Herstellerfirmen des Entlaubungsmittels Agent Orange, das von 1961-1971 durch die US-Armee über dem Süden Vietnams sowie Teilen von Laos und Kambodscha versprüht wurde, mit bekanntermassen fatalen Folgen für Bevölkerung und Umwelt, die bis heute andauern.  Dow Chemical hat zudem auch Napalm hergestellt, das z.B. im Vietnamkrieg für Tod und Verwüstung sorgte.

Umso zynischer mutet es da an, dass Dow Chemical die olympischen Spiele in London 2012 sponsern wird, inklusive der Paralympics. Imagepflege statt Corporate Accountability – das hat in den letzten Wochen nachvollziehbarerweise für grossen Unmut bei Bhopal-AktivistInnen gesorgt. Die Pressemitteilung Dows zu ihrem dauerhaftem Engagement für das Internationale Olympische Komitee von 2010, das nun im Sponsoring der Olympischen Spiele kulminiert, muss in den Ohren vieler Betroffenen wie Hohn klingen. So erläuterte Andrew Liveris, Dow Chairman und CEO, die Motive des Unternehmens für die offizielle Partnerschaft:

„Unser langjähriges Engagement für Nachhaltigkeit, Innovation und herausragende wissenschaftliche Leistungen mit dem Ziel, globale Herausforderungen zu bewältigen, machen uns zum idealen Partner der olympischen Idee. Dieser geht es vor allem darum, Frieden, Fortschritt sowie das Zusammenrücken der Menschen in der Welt zu fördern und gemeinsam zu feiern. Die Partnerschaft mit den Olympischen Spielen, die genau zur richtigen Zeit im Rahmen unserer Transformationsstrategie erfolgt, eröffnet zudem zahlreiche neue Wachstumschancen für unser Unternehmen.“

Die AktivistInnen fordern nun den Rückzug Dows aus dem Sponsoring der olympischen Spiele. So lange Dow seine Verantwortung nicht wahrnimmt, dürfe diesem Unternehmen keine Plattform geboten werden. Word.

 

 

Empört? Ihr Online-Action-Heros und -Heroinen dürft das Anliegen der Bhopal-AktivistInnen nun hier und/oder hier unterstützen.

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