As hypes pass by

Als ich noch für ein deutsches Popkulturmagazin arbeitete, war ich nah dran an den neuesten Musik-Hypes. Unsere männliche Chefredaktion, Verleger-/Herausgeberschaft und das Marketing schlug sich  die Köpfe ein, wer denn aufs Cover der nächsten Ausgabe gehievt werden sollte, aus welchen divergierenden Überlegungen auch immer  – im besten Fall popkulturelle Meritokratie. Die Redaktionsfrauen heute wie damals fürs Administrative  (Assistenz) bzw. das Visuelle (Bild/ Mode) gebucht und sowohl zahlenmässig als auch autoritätsseitig daher offenbar defizitär ausgestattet, konnten viele der damaligen Entscheide nur bedingt nachvollziehen.Heute, über zehn Jahre später und mit viel professioneller Distanz zur Kulturindustrie gehen viele Hypes an mir vorbei – oder kommen mit etwas Verspätung erst bei mir an.

So bin ich diese Woche erst durch Zufall auf die junge kanadische Künstlerin Claire Boucher getroffen, deren One-Woman-Projekt sie „Grimes“ nennt und das dem Hörensagen nach in der Blogosphäre ziemlich abgefeiert wurde. Musik und dazugehörige visuelle Inszenierung weckten mein Interesse. Eigenen Angaben zufolge fing sie zeitgleich an, mit reduziertester Ausstattung und null Erfahrung Musik zu machen und veröffentlichte diese sogleich  – grossartig. Ich finde es total spannend, die Entwicklung Bouchers von ihrem ersten, selbstverlegten Alben „Geidi Primes“ und „Halfaxa“ bis hin zu „Visions“ zu verfolgen, welches sie Anfang 2012 auf 4AD herausbrachte, eben wegen Einschränkung durch Billo-Equipment und exponentiell ansteigender Lernkurve. Die Fähigkeit, tolle Songs zu schreiben und auf eine berührende Art zu präsentieren, bleiben von den Restriktionen unberührt. Vielleicht betonen diese sogar das Talent dieser jungen Künstlerin.

Ätzend, wenn ich dann in „meinem“ Ex-Magazin im Interview mit Grimes die suggestive „Frage“ lesen mussClaire, deine Shows wirken teilweise, als könntest du Hilfe gebrauchen.“, bevor der Autor nachdoppelt mitWäre es nicht besser, du hättest eine Mitmusikerin?“. An anderer Stelle spricht er von „ihrer dilettantischen One-Woman-Show“. Diese Aussagen sind abwertend und sexistisch  – wäre Claire ein junger Mann,  ich bin ziemlich sicher, dass ich solche Statements nicht gelesen hätte. Künstlerinnen (Technik-)Kompetenz abzusprechen bzw. wie in Grimes‘ Fall ihr mutiges und talentiertes Drauflos abzuwerten, ist leider nichts Neues im männlich dominierten Musikjournalismus. Umso dankbarer bin ich daher, dass es Blogs wie  „Wears the trousers“ oder das tolle Missy Magazine gibt, die diese Dominanzsphäre durchbrechen.

Und nun zum Hype.

2 Kommentare

  1. Magische Musik und tolle Videos, in denen sie die Rolle des Popstars geschickt konterkariert – Claire Boucher ist eine phantastische Künstlerin. Scheinbar orientiert sich ein Teil der Musikpresse und -industrie nach wie vor an überholten Rocker-Attitüden. Ist das vom Genre abhängig? Ein Jammer, was denen ob soviel Ignoranz entgeht. Danke für die Links in deinem Artikel. Schöner, kurzer Interviewfilm hier: https://vimeo.com/38570029

    1. Danke für Deinen Kommentar. Meiner Erfahrung nach ist das Gemacker im Popkulturbusiness weder genre- noch sektorenspezifisch, es dominiert allerorten. Ich denke jedoch, dass heute v.a. Blogs es schaffen, diese Dominanzsphären als Alternativmedien erfolgreich zu konterkarieren. I’m glad!

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