One Billion Rising – feministische Streetparade oder mehr?

Erst kürzlich bin ich auf die Aktion „One Billion Rising“ gestossen. Eve Ensler, die Autorin der Vagina-Monologe, die ich btw noch nie gesehen habe, hat zusammen mit Aktivist_innen vor 15 Jahren den sog. „V-Day“ als Verlängerung ihres bekannten Theaterstücks ins Leben gerufen, als Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen, der jedes Jahr am 14. Februar stattfand, dieses Jahr unter dem o.a. Motto.

Erst dachte ich: Cool, ein globaler Aktionstag gegen Sexismus, für den auf ner schicken Website massiv mobilisiert wird, da mach ich mit, gerade jetzt (Dynamik in Indien, Dynamik in Deutschland) könnte der Schwung ausgenutzt werden, um ein grosses Zeichen zu setzen und mal voran zu machen. Als ich mich aber ein bisschen weiter informierte und nachdachte, wurde mir etwas unbehaglich.

– Warum heisst der Tag V-Day?

Yep, er heisst V-Day wegen Victory, Valentine und Vagina. Ist das also ein Tag, der ein Zeichen setzt gegen Gewalt gegen Menschen mit Vagina? Und Frauen* haben also alle eine Vagina? Und Männer* keine? Und dazwischen nada? Das finde ich weder besonders informiert noch unterstützend. Zwar heisst es in V-Days Leitideen „One must look at the intersection of race, class, and gender to understand violence against women“, aber wenns mit der Umsetzung schon in der Kommunikationsarbeit hapert (siehe Kampagnenvideo oder auch schon das Logo), dann gute Nacht.

Dank der Mädchenmannschaft bin ich auch noch auf diesen hübsch-kritischen Blogpost von Caitlin Petrakis gekommen, der rekonstruiert, wie Frauen*, die dem weissen, heteronormativen und geschlechterbinären Frauenbild dieses Aktionstages nicht entsprechen, erst diskriminiert, und dann unsichtbar gemacht werden. Aha! Anfangsverdacht bestätigt.

–  Und warum findet der V-Day am 14 Februar, dem Valentinstag, statt?

Echt – warum braucht es von einer den Vagina-Monologen entspringenden Einzelorganisationen einen V-Day, wenn’s schon den internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen am 25. November jeden Jahres gibt, mit den internationalen Aktionstagen der „16 Tage gegen Gewalt gegen Frauen“?

Und warum diese alberne Anlehnung an den Valentinstag, den 14.02.? Die macht ausserhalb der USA und heteronormativer Denke echt nicht so viel Sinn, gilt also nur für einen Teil der Aktivist_innen. Nicht so schön auch, dass ich fürchte, der Tag geht aufmerksamkeitstechnisch auf Kosten des internationalen Frauentages am nahenden 08. März.

– Wer steckt hinter dem V-Day?

Alle V-Days laufen dezentral organisiert ab. Wer mitmachen möchte, muss sich dazu verpflichten, jedes Jahr mitzumachen, und sich sehr strengen Regeln beugen, die von der VDAY-Organisation vorgegeben werden. Ich habe nur gehört, wie das Verhältnis der Lizenznehmer_innen gegenüber VDAY geregelt ist, aber nichts darüber, welche Rechte sie gegenüber VDAY haben. Campaigning nach diesem Modell leidet an Demokratiedefiziten und Perspektivenmangel, wie bspw. auch hier unter dem Schlagwort des „political Franchising“ kritisiert wird.

Alle Erlöse der lokalen V-Days müssen gespendet werden: 90 Prozent gehen an eine lokale Organisation, 10 Prozent an V-Day.org bzw. deren V-Day Spotlight Campaign. Der Beitrag der lokalen V-Days zur Spotlight Campaign ist dabei nicht allzu gross im Vergleich zum Gesamtbudget – gemäss Jahresbericht sind 2012 dabei ca. 260’000 USD zusammengekommen, bei einem Gesamtertrag von 4.5 Millionen USD, aber 10 Prozent Abgabepflicht wofür? Was leistet die Zentrale für die lokalen Organisator_innen ausser, ihnen die Rechte am Stück zur Verfügung zu stellen, „for free“? So ganz „free“ sind die Nutzungsrechte an dem Stück und der Kampagnenidee dann ja wohl nicht.

Die mit den 10 Prozent finanzierte Spotlight Campaign will ein Schlaglicht auf Gewalt gegen Frauen mit einem geographischen Fokus werfen, der letzte davon Haiti. Dort haben sie gemäss Jahresbericht v.a. praktische Hilfe geleistet, so z. Bsp. medizinische und psychologische Hilfe, oder aber die Gründung von zwei Frauenhäusern, oder aber sog. „Capacity Building“ bei 19 Graswurzel-Organisationen in Haiti – klingt gut. Geographische Schwerpunkte der Kampagne wurden in den letzten 10 Jahren zwar nicht ausschliesslich, aber vor allem in Ländern wie Afghanistan, Haiti oder Kongo gesetzt, was ein kolonialistisches Gschmäckle hat – als gäbe es in den USA bzw. „dem Westen“ kein Problem mit struktureller Gewalt gegen Frauen*.

– Am I human, or am I a dancer?

Was nun? Setzt der V-Day ein Zeichen, das ich mittragen will? Ich bin hin- und hergerissen, und obwohl ich mir jetzt wirklich ein paar Stunden Zeit genommen habe, um mich zu informieren, habe ich immer noch nicht den Eindruck, den Durchblick zu haben. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Rädchen, das sich zwar mitdrehen, aber nicht mitgestalten kann.

Ich bin nicht einverstanden damit, dass VDAY vorgibt, einen globalen Anspruch zu haben, jedoch nicht bereit oder in der Lage ist, weder sein weisses USA-Brillenmodell, noch das heteronormative Kassengestell abzulegen.

Lokal und persönlich nehme ich jedoch wahr, dass der V-Day neue Frauen dazu bringt, in den feministischen Aktivismus einzusteigen, und das ist ja sicher erst mal gut. Das kann ja lokal dann auch wachsen und sich entwickeln, sowie andere Aktionen und bestehende Netzwerke bereichern, warum nicht.Wie nachhaltig diese feministische Streetparade dann wirkt, bleibt abzuwarten.

Es machen viele gute Frauen im deutschsprachigen Raum mit, von denen ich glaube, sie haben ähnlich kritische Gedanken gehabt wie ich und sich dennoch dazu entschlossen, mitzumachen, wie zum Beispiel Helga Hansen. Ich denke, ich werde am 14. Februar trotz allem dabei sein, aber die Choreo werde ich nicht machen, aus Gründen.

Noch eine umfassende Kritik, insbesondere der Vagina-Monologe selbst, hier sowie eine quick-and-dirty-Kritik der von mir verehrten Shehadistan hier.

10 Kommentare

  1. […] am 14. Februar, findet der V-Day unter dem Motto One Billion Rising statt. Zeit sich auch mit differenzierten Kritiken auseinanderzusetzen, wie der bei Ewig […]

  2. Ich finde, besser eine Aktion mehr fuer eine gute Sache, als gar nichts. Die Alternative waere ja, dass es One Billion Rising gar nicht gaebe. Oder dass alles am 25 November gebuendelt waere. Die Gewalt findet allerdings nicht nur am 25 November statt, sondern das ganze Jahr ueber. Wieso also nicht auch anderen Tagen etwas dagegen unternehmen?

    ich finde ausserdem, man muss nicht immer alles bis ins letzte Detail analysieren, denn allen Frauen kann man es sowieso nie recht machen. Aber das groesste Hindernis etwas zu erreichen scheint mir Streit wegen ein wenig unterschiedlicher Positionen oder Herangehensweisen innerhalb der Feministinnen selbst zu sein.

    Gut, ich bin ein Mann und muss nicht alles verstehen …

    1. Hm, „besser als nichts“ war für mich noch nie ein Argument, das sticht. Ich hab da andere Ansprüche. ;) Ich bin auch kritisch, wenn’s um feministische Aktionen geht – warum soll ich denn da nicht genau hinschauen, wo es mir am Wichtigsten ist? Mein Feminismus ist eben keiner, der sich mit Ausschlüssen und Diskriminierung anderer abfindet und sich in sein weisses Mittelklasse-Heten-Eckchen zurückzieht. Das grösste Hindernis, etwas zu erreichen, sind übrigens sehr sicher nicht feministische Aktivist_innen… es ist gut und sinnvoll, dass eine in sich sehr diverse Bewegung diskutiert und sich weiter entwickelt. Ohne Dynamik keine Bewegung, für mich gehört das dazu und ist nicht negativ besetzt. In diesem Sinne: Viel Spass am 14. Februar!

      1. Gan-Chan · ·

        Danke; das ist einleuchtend. Das macht ja auch die Vielfalt im Feminismus aus, finde ich.
        Allgemein, jetzt nicht auf Dich bezogen, kann ich es halt manchmal nicht verstehen, dass sich so manche Feministin von einer anderen Feministin distanziert, ihr sogar abspricht Feministin zu sein, weil sie eine andere Herangehensweise an ein Problem fuer besser findet. Da habe ich schon oefter erlebt, dass mehr Energie fuer den Streit untereinander aufgewendet wird, statt gegen das eigentliche patriarchale Problem vorzugehen. Das kann man natuerlich so machen, aber ich persoenlich halte es eben nicht fuer sehr effizient.
        Ist hier etwas schwer zu erklaeren, aber mal ein Beispiel. Ich finde die Aktionen der FEMEN gut und sinnvoll und eine Feministin findet die FEMEN und mich dann ‚doof‘, denn in ihren Augen müssen Feministinnen anders agieren. Ich wiederum will gar nicht sagen, dass ich die Vorgangsweise der einzelnen Feministin schlecht(er) finde als die der FEMEN.

      2. Jede_r darf doof finden aka kritisch reflektieren, was er_sie mag. Oder gut finden. Jede_r sollte dann aber auch die Bereitschaft haben, sich fundierte Kritik dazu anzuhören. Darf ich Dir also zu Femen einen Lesetipp geben? Schau mal hier: http://shehadistan.wordpress.com/2013/01/30/femen-bedurfnisstattenbewegung-des-neuen-hipster-sexism-inklusive-antisemitismus-und-rassismus/

        Schönen Sonntag!

  3. […] der Aktionstag zu One Billion Rising statt. Zu diesem Anlass gibt es bei ewig unzufrieden eine differenzierte Kritik an dem […]

  4. […] was sie stört: der Fokus auf’s Tanzen. Rambling Rose stellt in ihrem Blog ewig unzufrieden ebenfalls fest, dass der rassismus- und heteronormativitätskritische Blick […]

  5. Anfangs war ich begeistert von der Idee. Jetzt wo ich da tief drin stecke, bin ich mit einigen Aspekten sehr unglücklich:

    – Vagina Monologues….. Was ist mit Frauen, die eine Gebärmutterentfernung hatten? Vielleicht sogar aufgrund einer Vergewaltigung?
    – Female Tsunami….. Hat da jemand an die Tsunami-Opfer und die Hinterbliebenen gedacht?
    – „offizielle“ deutsche Seite…. da ist nichts Offizielles dran, aber die Meinung der Inhaberin wird als der offizielle Standpunkt vermarktet
    – „Support-Shop“ für die „Sache“…. ist nicht klar, was mit dem Geld eines privaten Shops passiert.
    – Lizenzen für die Songs…. die einzelnen Gruppen zahlen die Lizenzen normal, also ist das Ganze eine große Schleichwerbung für Liedermacher
    – einige Gruppen machen das selbstlos und zahlen die Kosten auch selbst (Flashmob und Flyer organisieren und bezahlen, Tanzlehrer, die den Tanz kostenlos beibringen) – andere Gruppen profitieren von OBR (Tanzpartys von kommerziellen Einrichtungen, Tanzlehrer die Unterruchtsgebühr erleben)
    – ich stehe nicht erst heute auf
    – ja, ich bin Vergewaltigungsoopfer, ich bin Migrantin und ich engagiere mich gegen Gewalt …. ich engagiere mich für OBR…. und fühle mich bevormundet, eingeschränkt, verletzt, ausgenutzt und übergangen.

    Fazit: ich werde aussteigen.

    Auch wenn die Idee an und für sich ganz toll ist.

    1. Ich verstehe Dich sehr gut. Ich möchte es mir morgen dennoch mal anschauen, und werde es auch als Debatte in die ganz neue Zürcher Regionalliga der Mädchenmannschaft einbringen, von denen einige sogar mitorganisiert haben. Ich hoffe, es lässt sich etwas bewegen – wo, wenn nicht hier? Schauen wir mal, wo wir dann nächstes Jahr stehen.

  6. […] im Vorfeld gab es ja einige Kritik an One Billion Rising. Ich fand das gut, habe die Kritik verfolgt, geteilt und ihr oft zugestimmt. […]

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