Die weisse Welt der „Indianer“

[Inhaltshinweis: Rassismus]

Schon lange lange möchte ich etwas zu dem rassistischen Topos „Indianer“ zu schreiben. Durch mein in den letzten Jahren vertieftes rassismuskritisches Wissen und in meiner Rolle als Mutter habe ich in den letzten Jahren immer mehr wahrgenommen, wie sich die weisse (Pop-)Kultur an der Kultur & den Traditionen von Native Americans bereichert und  fleissig rassistische Klischees reproduziert.

Wenn weisse (Akademiker_innen-)Kinder mit bemalten Gesichtern und Pfeil & Bogen durch das Kinderzimmer toben, und dies von den Eltern dann als „harmloses/bedeutubgsloses Kinderspiel“ bagatellisiert wird, dann greifen ähnliche Mechanismen der Deutungshoheit & Definitionsmacht wie jene in der unsäglichen N*-Wort-Debatte, welche dieses Jahr das deutschsprachige Feuilleton einte. In der Kindergartenpost meiner Tochter fand sich heute Werbung für ein Herbstferienprogramm namens „Welt der Indianer“, das ich nur als dominantes Nicht-Wissenwollen und Sich-über-andere-stellen lesen konnte. Ich habe der Einrichtung eine Mail geschrieben, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

Darstellung des Programms auf der Website

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E-Mail, verschickt am 18.09.2013, 21:02

Liebes Kidee-Team

In der Posttasche meiner Tochter, die in den Kindergarten geht, fand sich heute Werbung für eines Ihrer Ferienprogramme, mit Namen „Welt der Indianer“. Meine vierjährige Tochter übergab mir heute das Blatt mit den Worten „In der Posttasche ist was drin, was ganz gemein ist“. Ich habe Ihr Angebot studiert und erlaube mir nun, Ihnen ein kritisches Feedback zu senden.

Wissen Sie, dass der Name „Indianer“ ein von den weissen Kolonialherren geschaffener Begriff ist, um die Gruppe der amerikanischen Ersteinwohner_innen zu einer (homogenen) Einheit zusammenzufassen, obwohl diese Einheit so nie existierte? Die von den Weissen so bezeichneten Menschen haben sich selbst nie so genannt und bezeichnen sich auch heute noch nicht so. Haben Sie vielleicht eine Idee, warum?

Meinen Sie, „Indianer“ sind früher alle mit Federn auf dem Kopf durch die Prärie geritten, haben in „Tipis“ mit „Traumfängern“ geschlafen und die „Friedenspfeife“ geraucht, wenn sie das „Kriegsbeil“ begraben hatten?

Können Sie sich vorstellen, wie sich Native Americans fühlen, wenn Sie erfahren, dass sich in Europa Leute als „Indianer“ verkleiden, „indianische Rituale“ nachspielen und in „indianischen Tipis“ der „indianischen Kultur“ nachspüren bzw. Ferienprogramme wie das Ihre angeboten wird? Glauben Sie wirklich, „Indianerkinder“ wären wie in Ihrem Prospekt beschrieben „fröhlich“, würden sie unsere Kinder als „fröhliche Indianerkinder“ verkleidet sehen?

Käme vielleicht jemand auf die Idee, ein Ferienprogramm anzubieten namens „Die Welt der Weissen“? Wieso eigentlich nicht?

Vielleicht ist Ihnen das nicht klar, aber ich möchte Sie darauf hinweisen, dass Sie mit Ihrem Angebot Kindern die Idee vermitteln, dass diese Menschen zwar „edle Wilde“ seien, aber letztlich doch „Wilde“, die im Vergleich zur westlichen Zivilisation rückständig sind, d.h. uns unterlegen sind. Zwar hat heute wohl jede_r Native American ebenso wie wir ein IPhone, lebt in einem Betonhaus und zieht Jeans & T-Shirt an, wir ziehen es jedoch vor, historische Klischees mit Lendenschurt, Tipi & Kopfschmuck zu vermitteln. Warum eigentlich? Weil wir sonst auf die Unterhaltungsressource „Indianerromantik“ verzichten müssten?

Was für uns Unterhaltung ist, stellt für Native Americans ein Bündel rassistischer Klischees dar, die damals dazu gedient haben, sie als Menschen zweiter Klasse („Wilde“) zu klassifizieren, um die an ihnen begangenen Grausamkeiten moralisch zu rechtfertigen. Heute dienen diese Klischees dazu, uns weisse zu unterhalten. Angesichts ihrer leidvollen Geschichte & Gegenwart ist dieser naive Gebrauch dieses Bilder in unserer (Pop-)Kultur, z.B. bei Karnevalsverkleidungen oder „trendigem“ Federschmuck, der durch H&M verkauft (und aus dem Sortiment entfernt) wurde, umso schmerzhafter und schlecht auszuhalten.

Leider wird diese von Karl May & Winnetou-Filmen geprägte „Indianerromantik“ hier in Europa immer noch viel zu wenig hinterfragt; zu den Standardausreden auf eine Kritik diesbezüglich gehören „Das ist doch lange her/ hat ja nix mit uns zu tun“, „Das ist vielleicht in den USA so, aber hier leben ja keine Indianer „Aber die Indianer werden doch positiv dargestellt, dann ist es doch kein Rassismus“, „Das kann ich den Kindern doch nicht vermitteln/ das verstehen die Kinder doch nicht“ und zuletzt „Das ist doch alles ganz harmlos, was regen Sie sich so auf“.

Für den weissen europäischen Mainstream ist das ja auch sicher kein Problem – ihm tut damit ja nix weh. Da kann Kritik leicht als „Überempfindlichkeit“ ausgelegt werden, um der eigenen Seelenruhe willen. Meine Tochter versteht diese Problematik, seit sie 3 ist und die grundlegende und traurige Geschichte der Kolonisation der USA kennt. Gibt es nicht unzählige andere Spiele & konzeptionelle Rahmen für solche Angebote, die nicht auf rassistische Klischees zurückgreift? Warum also auf ein angesichts der Geschichte derart zynisches Angebot bestehen?

Ich hoffe, dass mein kritisches Feedback Sie dazu bringt, Ihr Angebot selbstkritisch zu überdenken. Für mehr Infos bzw. ein Gespräch stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

4 Kommentare

  1. Hallo Du. Das Thema „Indianer“ und wie ich diesen unerwünschten terminologischem Dilemma umgehen sollte hat mich die letzten Tage noch weiter beschäftigt. Als Sohnemama komme ich ich mit „Indianern“ mehr in Kontakt als mit Hello Kitty. Gestern hat mein Grosser seinen selbst gebastelten Federschmuck aus dem im Chindsgi vorgeführten Musical „Kleiner Stern“ wiedergefunden und ihn sich aufgesetzt. Als ich ihn dabei erklärt habe, dass das Wort Indianer nicht so kul ist und Native besser geeignet ist, hat er nur Bahnhof verstanden. Natürlich braucht er dazu einen Kontext. Auch diesen habe ich ihm altersgerecht zu liefern versucht, aber damit noch mehr Bahnhof geerntet. Hatte mir vorgenommen, die Diskussion auf den Zeitpunkt zu verlegen, wenn es das Kind selbst interessiert (oder wir mit den nächsten „Indianer“-Waldtage nicht darum herum kommen). Da lese ich heute zufällig eine Geschichte über ein Mädchen, das zwischen Adoptiveltern und ihren Stamm hin- und hergeschoben wurde und dazu noch ein Link zur „National Indian Child Welfare“ liefert. Jetzt nimmt es mich erst recht Wunder, also google ich alles was ich auf die Schnelle dazu finde, unter anderem das:
    „Durch die Übersetzung ins Deutsche wird dieses sprachliche und terminologische Wirrwarr von Selbst- und Fremdbezeichnungen, bestimmt durch Abgrenzungsbedürfnisse und Zuweisungen im Spannungsfeld zwischen Rassismus und kultureller Selbstbestimmung, noch weiter verkompliziert. Letztlich hat sich der im Deutschen relativ diskriminierungsarme Begriff Indianer (siehe hierzu auch Indianerbild im deutschen Sprachraum) in den Augen Vieler als derjenige erwiesen, der diese Benennungs-Probleme am ehesten löst. Immer wieder neu kritisch zu hinterfragen bleiben jedoch die oft unreflektierten Aspekte der Fremdbeschreibung, der Homogenisierung nicht zusammengehörender Gruppen oder der Verniedlichung.“…
    Anmerkung der Schreibenden: „diskriminierungsarme“ ist nicht gleich diskriminierungsfrei…
    Trotzdem: ich bin gleich weit wie vorher und hoffe schlichtweg, dass mir das Problem der Benennung nicht so bald wieder begegnet. Für mich bin ich zum temporären Schluss gekommen, dass ich meinen Kind weiterhin die Welt und die Schandtaten ihrer Bevölkerung erklären muss mit dem Ziel, aus ihm ein vorurteil- und offenes Weltwesen zu machen. Für die „Indianer“-Wochen und dergleichen geniesse ich mit Vorsicht das Angebot, tröste mich aber mit der Behauptung, dass im Gegensatz zum dumpfen Rassismus in Bezug auf „Farbige“ (ja wie nun??) die Indianer von den Kindern und uns doch bewundert, ihr (vermeintlicher) Lebensstil verklärt und nachgeahmt wird.. Unsere Kopfbilder sind von naturgewaltiger Romantik anstelle von Unterdrückung (genau!), Ausbeutung (genau!) und Ausrottung (genau!) begleitet. Darum sei hier der Graubereich einer vertretbaren Bezeichnung erlaubt. Dem heute stattfindenden Rassismus kann trotzdem problemlos weiterhin der Stinkefinger gezeigt werden.

    1. Hallo Du zurück,

      Mit dem Benennungsproblem gehe ich folgendermassen um: Ich nutze die empowernden Selbstbezeichnungen der jeweiligen Gruppe. Ich differenziere z.B. – wenn das I*-Wort fällt, frage ich nach, welche der viele hunderten Gruppen denn gemeint ist, also Sioux, oder Pomos, oder Irokesen, oder Mohawk, oder oder oder…Liste dazu siehe z.B. Ich habe mal aus der Bibliothel ein Buch von der Sendung mit der Maus mitgenommen. Das war nicht über alle Zweifel erhaben, aber es hat die Vielfalt der Gruppen kindgerecht aufgezeigt, und ist damit eine nützliche, greifbare Gegenstrategie zur Homogenisierung, die mit dem I*-Wort einhergeht.

      By the way: never never „Farbige“ sagen- das impliziert, dass weisse die Norm sind, und alle anderen die Abweichung…in der Regel muss dies ausserdem nur in Diskriminierungs-/ politischen Kontexten thematisiert werden, und auch da empfehle ich die Selbstbezeichnung; viele nennen sich „Schwarze“ oder „Schwarz“, im Gegensatz zu „weissen“ oder „weiss“ (bitte dabei die Gross- und Kleinschreibung beachten); im englischsprachigen/ internationalen Kontexten fällt oft der Begriff „People of Color (PoC)/ Women of color (WoC)/…“, der in rassimuskritischen Kreisen auch im deutschsprachigen Raum Anwendung findet. Aber eben. Eigentlich brauchts diese Bezeichnung nur dann, wenn es ums Diskriminierungserfahrungen geht, um diese sichtbar zu machen…

      In diesem Sinne: Dem Rassismus weiter die Stirn bieten, vor allen Dingen wir, aus unserer privilegierten Situation heraus.

      <3 <3 <3

      1. Wieso sollte man das eine groß und das andere klein schreiben?

      2. weiss und Schwarz sind gemäss kritischer Weißseinsforschung (besser bekannt auch als Critical Whiteness) gesellschaftlich wirkungsvolle Kategorien, und keine äußerlichen Zuschreibungen. „Schwarz“ wird als empowernde Selbstbezeichnung benannt, „weiss“, um Weiss-Sein sichtbar zu machen.

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