It’s not the Absicht, stupid!

[TW: Links auf rassistische & sexistische Inhalte, ab Lead Zitieren sexistischer/ rassistischer O-Töne]

Ein kritischer Blick ins Jahr 2013 verrät: Der Trend zur Definitionshoheit weisser (Medien-)mac_h_ker hält an. Sie wollen auch 2014 entscheiden, was rassistisch und/oder sexistisch ist.

Der neueste Aufschlag ins Feld von uns humorbefreiten Political Correctness-Vollstrecker_innen stammt von Marco Rima, einem Schweizer Komödianten, und von seinem Doppelpartner im Geiste, dem deutschen Journalisten Harald Martenstein. Marco Rima macht in seinem laufendem Live-Comedy-Programm Witze über „Albaner“, „N*er“ und Frauen, zum Beispiel diese [Achtung, TW für nächsten Absatz]:

  • «Warum lösen Albaner keine Kreuzworträtsel? Weil sie Angst haben, eine Reise in die Heimat zu gewinnen!»-
  • «Ich habe kein Problem damit, wenn ein N* Offizier der Schweizer Armee ist – aber er soll sich dann nicht beschweren, wenn ich ihn während einer Nachtübung nicht sehe».
  • «Warum haben Frauen eine Hirnzelle mehr als Hühner? Damit sie beim Kochen nicht in die Küche scheissen»

Rima verteidigt dann in einem Interview nach dem Vorfall seine Kollegin Birgit Steinegger, welche in einem „komödiantischen“ Jahresrückblick im Schweizer Fernsehen das sog. „Täschligate“ um eine Zürcher Nobelboutique und Oprah Winfrey in bester Blackface-Manier reinszeniert. Dieser Sketch sei nicht rassistisch, „…weil jeder weiss, dass Birgit Steinegger keine Rassistin ist.“ In der gleichen Logik wird Rima von seinem Kollegen Victor Giacobbo verteidigt: „Ich würde für ihn aber die Hand ins Feuer legen: ein Rassist oder Frauenfeind ist er nicht.“ Wie rassistisch Blackface in Wahrheit ist, kann z.B. bei Bühnenwatch nachgelesen werden.

Auf meine Kritik an Rima hin hatte ich es auf Twitter dann sehr schnell mit weissen Männern zu tun, die mich davon überzeugen wollten, dass ich auf dem Holzweg sei. Statt rassistisch zu sein, habe Rima doch vielmehr die Absicht, „den Leuten“ einen Spiegel vorzuhalten, damit sie ihren Rassismus erkennen. Die Apologet_innen diskriminierender Untaten schiessen ohne eigenen Privilegiencheck, ohne Betroffenen ernsthaft zuzuhören, und mit  – wenn überhaupt – äusserst rudimentär vorhandenem Wissen über Rassismus/ Sexismus/ you-name-it gegen Betroffene und Aktivist_innen.

Bei einem Youtube-Clip aus dem Jahr 2010, dessen „Witze“ Bestandteil von Rimas aktuellem Programm sind, wird jedoch schnell klar, wie abwegig ihre Erklärungsversuche sind. Rima ist mitnichten an Rassimuskritik interessiert. Er betont zwar, dass „man heute gewisse Witze gar nicht mehr machen dürfe“, macht diese dann aber trotzdem (Huch,Tabubruch!) und lädt dann das Publikum zum Mit-Lachen ein. Wer schamlos das N-Wort und sexistische Witze unterster Schublade zur Unterhaltung eines weissen, offenbar vorzusgweise männlichen Publikums benutzt, wer damit seine Brötchen verdient, also profitiert, kann sich nicht damit rausreden, „es nicht so gemeint zu haben“. Wer es nicht so meint, mache es anders.

Rima reisst Witze [TW all the way]

Neben „Albanern“, „Frauen“ und „Polen“ macht Rima sich in seiner Show auch über die sog. „politische Korrektheit“ lustig. Aus dieser konstruiert er zunächst einen öffentlichen Konsens (der jedoch ganz klar nicht besteht), um sich dann als tabubrechenden, „das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen“-Dürfender zu inszenieren. Das rechtskonservative Buzzword „politische Korrektheit“ selbst tut übrigens nichts anderes, als strukturell verankerte Diskriminierungspraxen zu verharmlosen. Nur so greift die obengenannte Inszenierung Rimas und seiner Brüder im Geiste. Mit wem dabei der Schulterschluss gesucht wird, und wer dabei ausgeschlossen wird…? Yep.

So lange im deutschsprachigen Raum nach jedem öffentlich debattierten Vorfall die grosse Öffentlichkeit meint, die Definitionshoheit läge bei den ach-so-missverstandenen Absichtslosen (bei ihnen), so lange brauchen diese (sie selbst) keine Konsequenzen zu fürchten. Am Ende bekommen Betroffene und/oder Aktivist_innen die Schuld in die Schuhe geschoben, wie in Martensteins aktueller Kolumne. Betroffene haben Verständnis zu zeigen, wenn keine Absicht hinter der „Kränkung“ stehe. Wehren sie sich, werden sie zu Täter_innen, den wahren Rassist_innen, welche die Arbeit jener verunmöglichen, die echte Rassismuskritik™ leisten, also gemäss Martenstein zum Beispiel die Arbeit Didi Hallervordens, Dennis Schecks, Günter Wallraffs oder Markus Lanzs. Diese Behauptung ist, wie die gesamte Kolumne, an Absurdität nicht zu überbieten. Wer derart an seinen Privilegien hängt wie diese Herren, dem ist keine Argumentation zu „dröge“, um diese zu verteidigen.

Ausschlaggebend dafür, ob etwas rassistisch oder sexistisch ist, ist nicht, was weisse Männer*/ weisse Frauen* darüber denken, und ob sie mit dem, was sie sagen, ihre Karriere als Frauenfeind oder Neonazi beschleunigen wollen. Absicht ist ebenso wenig ein Kriterium wie die Einschätzung Privilegierter. Entscheidend kann immer nur die Stimme der Betroffenen sein – als Frau kann ich bezüglich Sexismus besser einschätzen als Marco Rima, wo die Grenze liegt, und als portugiesische Migrantin mit Diskriminierungserfahrungen, sowie als rassismuskritische, täglich dazulernende Aktivistin nutze ich mein Privileg als Weisse gerne dazu, um Kritik von People of Color (PoC) zu verstärken. Antirassistische Arbeit von People of Color (PoC) im deutschsprachigen Raum wird z.B. hier geleistet:

– Der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V., insbesondere sehr aktiv auf Twitter

– Noah Sow’s NOISEAUX Blog

Der braune Mob

Bühnenwatch

– Auf Twitter & sonst Sharon Dodua Otoo

– Die Journalistin Sabine Mohamed über Defintionsmacht

– Accalmie mit ihrem Blog „Stop talking“

– Aus Österreich Migrazine.at mit einem hochinteressanten Critical Whiteness-Dossier

Empfehlenswert natürlich immer auch der Blick ins Internationale, z.B. den unterhalt- und -lehrsamen Blog „Yo, is this racist“ oder den Blog der „Angry Black Woman“.

4 Kommentare

  1. […] Rambling Rose wagt die Prognose: “Der Trend zur Definitionshoheit weisser (Medien-)mac_h_ker hält an. Sie wollen auch 2014 entscheiden, was rassistisch und/oder sexistisch ist.” Ganz vorne mit dabei in Sachen Nichtrassismus und -sexismus: Comedy mit natürlich besten Absichten. […]

  2. „Ausschlaggebend dafür, ob etwas rassistisch oder sexistisch ist, ist nicht, was weisse Männer*/ weisse Frauen* darüber denken […] Absicht ist ebenso wenig ein Kriterium wie die Einschätzung Privilegierter.“
    Ausschlaggebend dafür, ob etwas rassistisch oder sexistisch ist, ist nicht, was du darüber denkst. Auch nicht, was die weniger Privilegierten darüber denken, die du zitierst. Da du sie dir einfach passend zu deiner eigenen Meinung zurecht gesucht hast. Das ist so billig…

    1. Aha. Und wessen Position ist dann ausschlaggebend Deiner Meinung nach?

  3. Hat dies auf Romy's Corner rebloggt und kommentierte:
    Meins, Meins, Meins – Die Zweite: ewigunzufrieden entlarvt Weiße Männer, die sich an ihren Privilegien festkrallen

    Spannend finde ich, dass Markus Lanz sich ja mittlerweile schon das nächste Fehlverhalten geleistet hat in seinem Interview mit Sahra Wagenknecht – und das darauf eine Online-Petition geschaltet wurde, die äußerst erfolgreich forderte, ihn bzw. seine Sendungen nicht mehr mit Hilfe von Fernsehgebühren zu finanzieren. Und das hier prompt Reaktionen folgten, nämlich Stellungnahmen vom Sender und sogar eine Entschuldigung von Herrn Lanz selbst. Deutlicher kann man ja kaum zeigen, dass Frau Wagenknecht (als Weiße Person) in den Augen von ZDF und Herrn Lanz mehr Respekt verdient als sämtliche Afrodeutsche.

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