Ja, Satire darf alles. Zum Beispiel kritisiert werden.

[Triggerwarnung: Links zu Artikeln mit rassistischer Sprache]

Uuuh, es wird eine sog. Rassismusdebatte in der Schweiz geführt…diesmal aufgehangen an der Frage, was Satire darf, und natürlich geben sich die vielen weissen Männer in der Unterhaltungs- und Medienbranche gleich selbst die Antwort darauf, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, jene zu fragen, die’s betrifft. Satire? Darf alles.

Heute morgen, auf der Suche nach etwas Kurzweil im Bus, blätterte ich in der Gratiszeitung „20 Minuten“. Dabei zwinkerte mir der neueste Beitrag mit einem «Darf ich jetzt noch ‹N*bueb› sagen?» [TW] zu, nicht ahnend, dass ich nichts davon halte, derart angekumpelt zu werden – schon gar nicht bei dem Thema. Der „Multisassa“ Christian Jott Jenny erschien darin als Spätzünder im oben genannten Debattierclub. Er wandte sich an die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft und die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus und bat um eine Stellungnahme, ob er in seinem bald startenden Theaterstück «Euse Rainer chönnt das au» das N-Wort brauchen dürfe, ohne mit einer Klage zu rechnen. Eine rhetorische Frage, die aber immerhin taugt, um ein bisschen Promo für die eigene Arbeit zu machen, und ne ganze Seite in „20 Minuten“ zu bekommen. Die Antwort der angefragten Institutionen ist dabei eigentlich egal. Es stehe jetzt schon fest – und hier wiederholt sich die unselige N-Wort-Debatte wie vor einem Jahr – dass er sich das Wort nicht verbieten lasse.

«Solche Geschichten gehören zu unserem Kulturgut und dürfen nicht einfach so verändert werden.»

Wer bei „unserem“ Kulturgut ein-, und wer ausgeschlossen wird…richtig. Besonders absurd wird’s als Jenny sagt:

«Sollte die Oberstaatsanwaltschaft oder die Rassismuskommission zu einem anderen Schluss gelangen, überlegt er sich sogar eine Selbstanzeige, ‚um ein mögliches Strafmass zu mildern‘. Ganz ernst nehmen könne er die Sache jedoch nicht: ‚Die Debatte ist eigentlich so absurd, dass man ihr nur mit Humor begegnen kann.’»

Ganz ernst nehmen kann ich die Sache eigentlich auch nicht. Daran ändert sich auch nichts, als „Rassismusexperte“ Daniel Kettiger Jenny beispringt:

«Jim Knopf als Kindermusical gehört zum schweizerischen Kulturgut. Auch wenn gewisse Ausdrücke politisch nicht korrekt sein mögen, gegen den Rassismusartikel verstossen sie deswegen nicht»

Weswegen Herr Kettiger von „20 Minuten“ in den Stand eines Rassimusexperten erhoben wird? Vermutlich durch qualifizierte Äusserungen wie der oben, und weil Herr Kettiger sicher aus eigener Erfahrung weiss, was das ist, das crazy little thing called Rassismus.

Vermutlich wäre die sog. Debatte nach Rimas lazy Rechtfertigungen [TW] im Tagesanzeiger versandet, hätte es zwischenzeitlich nicht mehrere Interventionen dagegen gegeben, die Reaktionen wie jene oben „provozierten“. Die Berner Theatermenschen Raphael Urweider und Samuel Schwarz erstatteten z.B. Anzeige  gegen das Schweizer Fernsehen wegen Birgit Steineggers Blackface-Sketch, und dann gab es mehrere Interventionen wegen Massimo Rocchis antisemitischen Äusserungen [TW], u.a. von einem Schweizer Musiker, der sich hinterher durch antimuslimische aka rassistische Äusserungen hervortat. Ugh.

Seit den ersten Interventionen greift der Reflex, die Kritik als kindisch und übertrieben abzutun, besonders natürlich die juristischen Interventionen. Und dann muss ich mir vom Comedian Victor Giacobbo, der Rima unlängst verteidigte und selbst 2001 von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus gerügt wurde, von ebendiesem muss ich mir dann erklären lassen, dass er das N-Wort gerne deswegen weiterverwende, weil es „verboten“ sei, und dass sich Schwarze gar nicht darüber aufregen würde, sondern „einheimische Moralanwälte“. Gibt by the way ja auch keine „einheimischen“ Schwarzen, Giaccobbo, klar.

Die ursprüngliche Funktion von Satire war es, „die Mächtigen“ zu kritisieren. Was weisse Männer heute jedoch gerne als Satire bezeichnen, ist das „Treten nach unten“, wie es in dem lesenswerten Interview mit Raphael Urweider in der WOZ heisst. In Wahrheit handelt es sich dabei einfach um schlechte Witze auf Kosten anderer, und zwar auf Kosten all jener, die von der witzelnden und lachenden Mehrheitsgesellschaft auch im Alltag ausgeschlossen werden. Ja, ausgeschlossen: Vom Mitlachen, vom Arbeitsmarkt, vom Wohnungsmarkt, vom Zugang zu einer ganzen Menge Rechte, aber das nachzuempfinden, da mal zuzuhören als Privilegienposer, och nö.

Aber nennen wir diese Witze doch weiterhin „Satire“, und stellen wir uns die Frage, ob „Satire“ alles darf. Ja, darf sie. Aber sie bzw. ihre Absender_innen müssen hinterher dann auch die Kritik daran aushalten können.

2 Kommentare

  1. […] Schließlich etwas, dass eins nicht oft genug sagen kann: Satire darf alles. Zum Beispiel kritisiert werden. […]

  2. Say, you got a nice blog post. Really Cool. deacceedddge

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